Deutsche Gedichte

 

Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören,

ein gutes Gedicht lesen,

ein treffliches Gemälde sehen

und wenn es möglich zu machen wäre

einige vernünftige Worte sprechen.

 

                             Johann Wolfgang von Goethe

 

 

                      

 

         DIE HOFFNUNG DANACH von Robin Gulland

 

Im tiefsten Herzen

Im tiefsten Tal

voller Schmerzen

nicht minder Qual

Im kleinsten Haar, dem schwächsten Glied

leitet’s empor! Das anmutige Lied

 

Wohl klingend und Freude bringend,

das ist das Lied! Das werden wir singen

Der Chor der Befreiung dringt zu den Bergen

Dringt in den Wald,

zeigt uns die Scherben, ach so kalt!

 

Scherben der Freiheit, Scherben der Wonne

Eiskalte Engel auf Schmerzen erpicht

Zeigen uns die Tränen der Sonne

Den Schmerz, unser altes Gesicht

 

Doch mit wohligen Klängen

Werden Scherben zu Wällen

Auf immer vereint um der Menschheit zu geben,

was sie braucht zum lieben und leben.

 

               

                     

                    

 

               ALLES FÜR DICH von Robin Gulland

 

Gedichte schreiben und Violine spielen

das waren Dinge, die mir gefielen

doch beim ersten Klang deiner Stimme

wurdest du mein Fluss und Hans Hansen zum Gewinne

 

Als ich dich sah

so wunderbar in

deinem versteckten Kleid

voll Heiterkeit

da dachte ich wie noch nie

an liebliche Poesie

 

Dein blonder Zopf, deine blauen Augen

brachten meine Seele offen zum staunen

Da wusste ich sofort, du bist für die Ewigkeit

mit dir gibt es kein Leid

 

Solch ein Gefühl ist für mich umso neuer

entfacht hast du ein tosendes Feuer

dieses Feuer der Leidenschaft tobt nun in meinem Leben

jetzt weiss ich, wofür es sich lohnt zu streben

 

So lieb ich dich, so lieb ich dich, zerstöre die Mauer

die uns beiden trennt wie ein stählener Schauer

 So bitte ich, so bitte ich dich, öffne dein Herz

bei mir findest du Freude und keinen Schmerz

 

Ich liebe dich, so sehr, das kannst du mir glauben

dir besorg ich einen Himmel voll weisser Tauben

Tauben der Liebe im Sonnenschein glänzend

du bist so inspirierend und ergänzend.

 

 

         

                       

Die Poesie ist das Leben, gesehen in Reinheit,

und gefaßt in den Zauber der Sprache

 

                           Jakob Grimm

 

 

 

BERÜHMTE GEDICHTE

 

von Friedrich von Schiller, Johann Wolfgang von Goethe, Johann Gottfried von Herder, Joseph Mohr, Theodor Storm, Eduard Mörike, Joseph von Eichendorff, Hans Thoma und Heinrich Heine.

 

 

An die Freude von Friedrich von Schiller, 1759 – 1805

 

Freude, schöner Götterfunken,

Tochter aus Elysium,

wir betreten feuertrunken,

Himmlische, dein Heiligtum.

Deine Zauber binden wieder,

was die Mode streng geteilt;

alle Menschen werden Brüder,

wo dein sanfter Flügel weilt. (Erster Vers)

 

 

 

Die Teilung der Erde von Friedrich von Schiller

 

Nehmt hin die Welt!“ rief Zeus von seinen Höhen

den Menschen zu. „Nehmt, sie soll euer sein!

Euch schenk’ ich sie zum Erb’ und we’gen Lehen –

doch teilt euch brüderlich darein.“

 

Da eilt’, was Hände hat, sich einzurichten,

es regte sich geschäftig jung und alt.

Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten,

der Junker birschte durch den Wald.

 

Der Kaufmann nimmt, was seine Speicher fassen,

der Abt wählt sich den edlen Firnewein,

der König sperrt’ die Brücken und die Straßen

und sprach: „Der Zehente ist mein.“

 

Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen,

naht’ der Poet, er kam aus weiter Fern

ach, da war überall nichts mehr zu sehen,

 

und alles hatte seinen Herrn!

 

„Weh mir! So soll den ich allein von allen

vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?“

So ließ er laut der Klage Ruf erschallen

Und warf sich hin vor Jovis Thron.

 

„Wenn du im Land der Träume dich verweilet“,

versetzt der Gott, „so hadre nicht mit mir.

Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?“

„Ich war“, sprach der Poet, „bei dir.

 

Mein Auge hing an deinem Angesichte,

an deines Himmels Harmonie mein Ohr –

verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte

berauscht, das Irdische verlor!“

 

„Was tun?“ spricht Zeus. „Die Welt ist weggegeben,

der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein,

willst du in meinem Himmel mit mir leben –

so oft du kommst, er soll dir offen sein.“

 

 

 

 

   Johann Wolfgang von Goethe 1749 - 1832

Über allen Gipfeln

Ist Ruh,

In allen Wipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde

Ruhest du auch.

 

 

Heidenröslein

 

Sah ein Knab ein Röslein stehn,

Röslein auf der Heiden,

War so jung und morgenschön,

 Lief er schnell, es nah zu sehn,

Sah’s mit vielen Freuden.

 Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

 

Knabe sprach: Ich breche dich,

Röslein auf der Heiden!

Röslein sprach: Ich steche dich,

Daß du ewig denkst an mich,

 Und ich will’s nicht leiden.

Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

 

 

Und der wilde Knabe brach

‚s Röslein auf der Heiden;

Röslein wehrte sich und stach,

Half ihm doch kein Weh und Ach,

Müßt’ es eben leiden.

Röslein, Röslein, Röslein rot,

Röslein auf der Heiden.

 

Auch das ist Kunst,

ist Gottes Gabe,

aus ein paar sonnenhellen

Tagen sich so viel Licht

ins Herz zu tragen, dass,

wenn der Sommer

längst verweht, das Leuchten

immer noch besteht.

                         Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Johann Gottfried von Herder 1744 – 1803

 

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben

auf Erden hier.

Wie Schatten auf den Wogen schweben

und schwinden wir,

und messen unsre trägen Tritte

nach Raum und Zeit;

und sind (und wissen’s nicht) in Mitte

der Ewigkeit.

 

 

Joseph Mohr 1792 – 1848

 

Stille Nacht, heilige Nacht!

Alles schläft, einsam wacht

nur das traute, hochheilige Paar.

 Holder Knabe im lockigen Haar,

 schlaf in himmlischer Ruh!

 

Stille Nacht, heilige Nacht!

Hirten erst kundgemacht,

durch der Engel Halleluja

tönt es laut von fern und nah:

Christ, der Retter, ist da!

 

Stille Nacht, heilige Nacht!

Gottes Sohn, o wie lacht

Lieb’ aus deinem göttlichen Mund,

da uns schlägt die rettende Stund,

Christ, in deiner Geburt!

 

 

 

 

 

Knecht Ruprecht von Theodor Storm 1817 - 1888

 

Von drauß vom Walde komm’ ich her,

ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!

Allüberall auf den Tannenspitzen

sah ich goldene Lichtlein sitzen;

und droben aus dem Himmelstor

sah mit großen Augen das Christkind hervor,

 und wie ich so strolcht durch den finstern Tann,

da rief’s mich mit heller Stimme an:

„Knecht Ruprecht“, rief es, „alter Gesell,

hebe die Beine und spute dich schnell!

Die Kerzen fangen zu brennen an,

das Himmelstor ist aufgetan,

Alt’ und Junge sollen nun

von der Jagd des Lebens einmal ruhn;

und morgen flieg’ ich hinab zur Erden,

 denn es soll wieder Weihnachten werden!“

 

 Ich sprach: „O lieber Herre Christ,

meine Reise fast zu Ende ist;

ich soll nur noch in diese Stadt,

wo’s eitel gute Kinder hat.“

„Hast denn das Säcklein auch bei dir?“

Ich sprach: „Das Säcklein, das ist hier;

denn Äpfel, Nuß und Mandelkern

fressen fromme Kinder gern.“

„Hast denn die Rute auch bei dir?“

 Ich sprach: „Die Rute, die ist hier;

doch für die Kinder nur, die schlechten,

die trifft sie auf den Teil, den rechten.“

 Christkindlein sprach: „So ist es recht!

So geh mit Gott, mein treuer Knecht!“

 

 Von drauß vom Walde komm’ ich her;

ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!

Nun sprecht, wie ich’s hierinnen find!

Sind’s gute Kind, sind’s böse Kind?

 

 

Du wirst es nie zu

Tücht’gen bringen

bei deines

Grames Träumerein,

die Tränen

lassen nichts gelingen:

Wer schaffen will, muss fröhlich sein.

 

                              Theodor Fontane

 

 

 

 

Zum neuen Jahr von Eduard Mörike, 1804 – 1875

 

Wie heimlicher Weise

Ein Engelein leise

Mit rosigen Füßen

Die Erde betritt,

so nahte der Morgen.

Jauchzt ihm, ihr Frommen,

 ein heilig Willkommen!

Ein heilig Willkommen!

 Herz, jauchze mit!

 

In Ihm sei’s begonnen

der Monde und Sonnen

an blauen Gezeiten

des Himmels bewegt.

 Du, Vater, du rate!

Lenke du und wende!

 Herr, dir in die Hände

Sei Anfang und Ende,

sei alles gelegt.

 

 

Mondnacht von Joseph von Eichendorff, 1788 – 1857

 

Es war, als hätt’ der Himmel

die Erde still geküßt,

daß sie im Blütenschimmer

von ihm nun träumen müßt’.

 

Die Luft ging durch die Felder,

die Ähren wogten sacht,

es rauschten leis die Wälder,

so sternklar war die Nacht.

 

Und meine Seele spannte

weit ihre Flügel aus,

flog durch die stillen Lande,

als flöge sie nach Haus.

 

 

Hans Thoma, 1839 – 1924

 

Ich komm’, weiß nit woher,

ich bin und weiß nit wer,

ich leb’, weiß nit wie lang,

ich sterb’ und weiß nit wann,

ich fahr’, weiß nit wohin:

Mich wundert’s, daß ich fröhlich bin.

 

 Da mir mein Sein so unbekannt

 geb’ ich es ganz in gottes Hand, -

die führt es wohl, so her wie hin:

Mich wundert’s, wenn ich noch traurig bin.

 

 

 

 

 Die Lorelei von Heinrich Heine, 1797 – 1856

 

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

daß ich so traurig bin;

ein Märchen aus alten Zeiten,

das kommt mir nicht aus dem Sinn.

 

 Die Luft ist kühl und es dunkelt,

und ruhig fließt der Rhein;

der Gipfel des Berges funkelt

im Abendsonnenschein.

 

Die schönste Jungfrau sitzet

dort oben wunderbar;

ihr goldnes Geschmeide blitzet,

sie kämmt ihr goldenes Haar.

 

 Sie kämmt es mit goldenem Kamme

und singt ein Lied dabei;

das hat eine wundersame,

gewaltige Melodei.

 

 Den Schiffer im kleinen Schiffe

ergreift es mit wildem Weh;

er schaut nicht die Felsenriffe,

er schaut nur hinauf in die Höh’.

 

Ich glaube, die Wellen verschlingen

am Ende Schiffer und Kahn;

und das hat mit ihrem Singen

die Lore-Ley getan.